Geteilte Kinderwelt

Du lebst in zwei Welten – in der Deiner Mutter und in der Deines Vaters. Alle zwei Wochen wechselst Du für einige wenige Tage den Planeten. Manchmal auch mehr Tage – in den Ferien, die Du zur Hälfte bei uns (Deinem Vater und mir) verbringst. Wenn Du kommst, freust Du Dich. Es gelingt Dir sehr gut, sofort umzuschalten. Du hast uns vermisst, das ist deutlich zu spüren – Du sagst es auch oft. Du verteilst im Überfluss Deine Liebe, Küsse, Umarmungen und „ich hab Dich lieb“ – an Deinen Vater und an mich. Du bist ziemlich ausgeglichen und fröhlich. Ich glaube, das ist einfach, denn bei uns hast Du keinen Druck, kein Muss, wenige Grenzen. Du bist nur kurz hier – wir versuchen, die Zeit mit Dir so gut als möglich zu genießen. Eingriff in die Erziehung ist in dieser kurzen Zeit nicht möglich. Also akzeptieren wir Dich, wie Du bist. Vielleicht ein positiver, liebevoller „Zwang“ für uns, Dich so zu nehmen, wie Du sein willst – als 10jähriger. Für mich ist es schwerer als für Dich und Deinen Vater. Ihr genießt die Zeit, so wie sie ist. Pläne mache ich – für die gemeinsame Zeit. Blöd irgendwie. Denn dadurch entsteht manchmal Frust. Es ist wie im Urlaub bei so vielen Familien, die versuchen, in dieser kurzen Zeit die Dinge nachzuholen, die während eines ganzen Jahres zu kurz gekommen sind. Ich bin 45. Als 45jährige kann ich von Dir, einem 10jährigen, sehr viel lernen. Ich kann von Dir lernen, das JETZT anzunehmen, wie es ist; das JETZT zu genießen; ich MUSS von Dir lernen, Dich genau so anzunehmen, wie Du bist – denn DU nimmst mich genau so, wie ich bin.

Ich denke darüber nach, wie Du erzogen wirst, über Deine Werte, die Du vermittelt bekommst – und die nicht meiner Philosophie entsprechen. Ich denke darüber nach, dass ich es nicht gut finde, dass Du so viel vor dem Fernseher hängst.

Du denkst nicht darüber nach, wie ich erzogen worden bin. Du denkst auch nicht darüber nach, ob Du es gut findest, dass ich Fernsehen nicht leiden kann.

Du akzeptierst mich genau so, wie ich bin.

Und Du bist mein Lehrer in diesem Unterrichtsfach des Lebens. Jedes Mal, wenn Du da bist, habe ich aufs Neue die Chance, genau dies von Dir zu lernen. Ich danke Dir dafür.

An dem Tag, an dem Du heimgebracht wirst, bist Du nicht mehr gut drauf. Du hast Frust, das spürt man, und Du hast schlechte Laune – auch das lässt Du uns spüren. Auf der Heimfahrt bist Du sehr still – das ist ungewöhnlich, weil Du sonst ein kleiner Zappelphilipp bist, der keine 5 Minuten sein süßes Mundwerk halten kann. Dann habe ich Mitleid mit Dir. Es muss schwer sein, als 10jähriger zwischen zwei grundverschiedenen Welten zu pendeln. Nicht nur im Außen zu pendeln – auch Dein Denken und Dein Fühlen pendeln hin und her. Hierbei kann Dir keiner helfen. Du musst damit leben. Und Du lebst seit 6 Jahren damit. Manchmal gelingt es Dir gut – manchmal schlecht. Du hast für Dich einen Weg gefunden, mit dieser Trennung, mit dem Pendeln zu leben. Mehr als die Hälfte Deines Lebens bist Du mit Körper, Geist und Seele gependelt – und bist fröhlich und glücklich dabei geblieben. Für einen 10jährigen ist das beachtlich. Ich bewundere Dich dafür.

Morgen kommst Du wieder – für ein verlängertes Wochenende. Ich werfe meine halbgedachten Pläne über Bord und treffe die Entscheidung, die Zeit, die Du mit uns verbringst, so zu nehmen, wie sie ist – Dich so zu nehmen, wie Du bist. Pläne sind nicht notwendig – solange wir Spaß und Freude am Dasein haben. Mehr können wir Dir nicht mitgeben. Aber ich denke, das ist eine ganze Menge – an einem Wochenende.